Nicole Seifert: “FrauenLITERATUR” – Weshalb weibliche Literatur lange kaum Beachtung fand

Nicole Seifert schreibt in ihrem Buch (Frauen-) Literatur, darüber wie Autorinnen systematisch abgewertet und vergessen wurden, etwas, das sich bis heute ins Feuilleton zieht.

FrauenLiteratur von Nicole Seifert

Als ich 2011 mein Germanistik-Studium anfing, konnte man sich auf Empfehlung des Professors eine von ihm zusammengestellte Liste mit Must-Read Lektüren fürs Studium herunterladen: ungefähr 80 Werke, sortiert nach Epochen. Auf dieser Liste machten – man kann es sich denken – die Autoren den allergrößten Anteil aus.

Autorinnen gab es auf dieser Liste genau drei: Anna Seghers, Christa Wolf und Louise Gottsched. Zum ersten Mal bekam ich eine Idee davon, dass ein Missverhältnis in der Literaturwissenschaft herrschen könnte, was sich auch in meinem weiteren Studium bestätigte.


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Nicole Seifert deckt auf, wieso weibliche Literatur lange keinen Platz hatte

Ich wünschte, es hätte damals bereits dieses Buch gegeben. Das Buch von Nicole Seifert setzt genau da an, bei der Leerstelle, die sich auftut, wenn man sich mit weiblicher Literatur(geschichte) beschäftigen möchte. Es gibt diese fadenscheinigen Argumente, weshalb weibliche Literatur keinen Platz hat, Nicole Seifert entkräftet sie der Reihe nach. Sie zeigt, dass es Frauen gab, die erfolgreiche Bücher geschrieben haben und führt auf, welche Mechanismen dafür sorgten, dass ihre Werke schneller in Vergessenheit gerieten als die ihrer Kollegen.

Sie zeigt, weshalb es Schriftsteller sind, die kanonisiert werden, während Schriftstellerinnen nicht den Wert zugestanden bekommen, der ihnen gebührt, wie verhindert wird, dass sie rezipiert werden. Nicole Seifert stellt dar, dass im Feuilleton bis heute weniger Frauen besprochen werden und wenn Frauen besprochen werden, die Argumente oft unsachlich sind und nichts mit Literatur zu tun haben.


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Was Frauen schreiben, sollte von allen gelesen werden

Nicole Seifert plädiert dafür, dass das was Frauen schreiben, von allen gelesen werden sollte und nicht nur von Frauen selbst, regt an zu hinterfragen, wie man Literatur auswählt. Und sie erklärt, weshalb das Wort “Frauenliteratur” abgeschafft werden sollte – deshalb ist das Wort “Frauen” auf dem Cover auch durchgestrichen.

Was für ein kluger, wichtiger und inspirierender Beitrag zur literarischen Debatte um Kanonisierung und stärkere Gewichtung von weiblichen Stimmen. UNBEDINGT UNBEDINGT UNBEDINGT lesen! 🙏❤️

Vielen Dank an Kiepenheuer und Witsch für das Rezensionsexemplar!

 

Nicole Seifert

FRAUEN LITERATUR

Kiepenheuer & Witsch

Erschienen am 09.09.21